Breitenhof-Tagung 2009

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Breitenhof, 07.06.2009 – 

Ausblick auf die Kirschenernte und Vermarktung 2009

In der Nordwestschweiz darf man sich auf eine sehr gute Kirschenernte freuen. Die Ausgangslage ist gut, und wenn das Wetter mitspielt, können sich die Obstbauern zusammen mit den Konsumentinnen und Konsumenten auf wunderbare einheimische Kirschen freuen.

Die Hauptblütezeit war dieses Jahr in der zweiten Aprilhälfte. Es war ein prächtiger Blühet, einzig etwas zu trocken war es, und oft hatten wir Bise. Den ganzen April fiel im Baselbiet nur um die 25 mm Niederschlag. Der Blütenansatz war sehr gut, und auch wenn der Bienenflug eher schwach war, konnte man keine namhaften Befruchtungsdefizite feststellen. Im Gegenteil, der Fruchtansatz ist sehr gut. Es gab diesen Frühling auch nirgendwo Frostschäden. Im Mai wurde das Wetter «wüchsig» und warm. Immer wieder regnete es behutsam.

Sogar leicht höhere Schätzung als 2007!

Das gute Wetter im Mai trug dazu bei, das sich die Bäume und die Früchte erfreulich entwickelten. Die Schorniggel hatten schnell eine beachtliche Grösse. Der Fruchtansatz darf generell als gut bis sehr gut bezeichnet werden, es gibt unterschiede von Sorten zu Sorten und auch innerhalb der Standorte. Das Sortenspektrum ist mit den neuen Anlagen laufend in Bewegung. Neue Sorten kommen dazu, andere verschwinden wieder. Bei den Hauptsorten sind die Erwartungen bei Star und Kordia sehr gut, Regina ist etwas schwächer und die Schauenburger haben einen optimalen Behang. Auch die Industriekirschen sind gut behangen.

Der Zeitpunkt der Ernte dürfte dieses Jahr 4-5 Tage früher sein als 2008. In diesen Tagen werden die ersten Muster geerntet, danach werden die Mengen kontinuierlich steigen. Richtig losgehen wir es in der letzten Juniwoche. Danach folgt die Haupternte. Die zuständigen Gremien haben die nötigen Vorbereitungen getroffen, so dass wir auf eine erfolgreiche Kampagne hoffen dürfen.

Fazit: Einen schönen Blühet und gutes Wetter im Mai haben die Voraussetzungen für eine positive Ernteerwartung geschaffen. Die Konsumentinnen und Konsumenten können sich auf die knackigen Kirschen aus der Region freuen.

Schätzung der Handelsmenge in der Nordwestschweiz

Tafelkirschen Premium                       92 Tonnen
Tafelkirschen Extra                           297 Tonnen
Tafelkirschen Kl. 1                            551 Tonnen
Konservenkirschen                            942 Tonnen

Kirschenunterlagen: Auswahl für verschiedene Standorte

Die optimale Kirschenunterlage für jeden Standort und jede Sorte finden – dies ist für Kirschenproduzentinnen und -produzenten eine grosse Herausforderung. Experten der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW prüfen daher die Anbaueignung neuer Kirschenunterlagen. Ziel ist es, für jeden Standort und jede Sorte die ideale Unterlage empfehlen zu können.

Die Standard-Unterlagen Gisela 5 und Maxma 14 sind nicht für alle Standorte und Sorten optimal. Gisela 5 ist für einige Standorte und Sorten zu schwachwüchsig. Nach fünf bis sechs Jahren lässt bei betroffenen Bäumen auf Gisela 5 die Vitalität deutlich nach – die Erträge bleiben aus. Maxma 14 dagegen ist teilweise zu starkwüchsig und zudem staunässeanfällig. Weitere Kirschenunterlagen sind daher notwendig, um für alle Standorte und Sorten eine gute Auswahl zu haben.

Die Sorten- und Unterlagenprüfer der Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW testen auf dem Steinobstzentrum Breitenhof und dem Versuchsbetrieb Wädenswil das Potenzial der neuen Unterlagen Gisela 3, Gisela 6, Gisela 12, Piku 1, Piku 3, Piku 4 und Maxma 60 im Vergleich zu den beiden Standards Gisela 5 und Maxma 14. In den Versuchen ist neben der Ertragsleistung und der Fruchtgrösse die dem Standort entsprechende Wuchsstärke von grösster Bedeutung.

Gisela 6 ist bester Allrounder

Die ersten Erfahrungen in den Versuchs- und Praxisbetrieben zeigen, dass die Unterlage Gisela 6 für viele Standorte in Frage kommt. Auf wüchsigen Böden wie in der Ostschweiz kann sie für schwachwüchsige oder reich tragende Sorten die Alternative zu Gisela 5 sein. Umgekehrt bietet Gisela 6 für wenig wüchsige Standorte wie in der Nordwestschweiz eine Alternative zu Maxma 14. Eine weitere Alternative im Wuchsbereich zwischen Gisela 5 und Maxma 14 könnte die Unterlage Piku 1 sein. Gemäss ausländischen Erfahrungen ist sie besonders für den Nachbau geeignet. Die sehr schwach wachsende Unterlage Gisela 3 kann eine Variante für stark wachsende oder schwach tragende Sorten auf sehr wüchsigen Böden sein.

Insgesamt bietet die Auswahl an Kirschenunterlagen einige Möglichkeiten, eine den Bodenverhältnissen angepasste Kombination von Sorte und Unterlage zu finden. Für eine abschliessende Beurteilung aller Unterlagen fehlen jedoch derzeit noch weitere Erfahrungen.

Zwetschgen-Monilia besser im Griff – Projektergebnisse aus Mittelbaden

In den letzten Jahren traten in Baden-Württemberg und anderen Regionen mit intensivem Zwetschgenanbau verstärkt und weit verbreitet Probleme mit Fäulnis im Nacherntebereich auf. Obwohl optisch weitgehend einwandfreie Früchte an die Vermarktungsorganisationen geliefert wurden, kam es auf dem Weg zum Lebensmitteleinzelhandel teilweise zu massivem Verderb der Ware. Als Hauptschaderreger wurden die Pilze Monilia laxa und Monilia fructigena identifiziert.

Die Untersuchungen in den Projektjahren 2006 bis 2008 haben ergeben:

  • 1. Monilia-Fruchtmumien, die in den Bäumen hängen blieben, bildeten unter unseren Witterungsbedingungen während der gesamten Vegetationsperiode Pilzsporen. Mit Monilia infizierte Blütenbüschel und Rückstände, die beim Entfernen von Fruchtmumien an den Ästen verbleiben, sind ebenfalls relevante Sporenquellen.
  • 2. Ist die Witterung während der Blütezeit regnerisch, können alle Blühstadien von einer Monilia-Infektion betroffen sein. Besonders empfindlich zeigten sich bislang die Blüten im «Ballonstadium» (BBCH 59-61) und zur Vollblüte (BBCH 65).
  • 3. Monilia-Infektionen können zu jeder Zeit der Fruchtentwicklung stattfinden, sofern die Frucht eine Verletzung aufweist, die als Eintrittspforte für den Pilz dient. Für eine Infektion der Frucht durch Monilia-Konidien sind Verletzungen erforderlich.
  • 4. Die Fruchtmasse der Zwetschgen nimmt mit Beginn der Umfärbung besonders stark zu. Da die Fruchthautbildung ab Ende der Steinaushärtung stark abnimmt, führt weiteres Fruchtwachstum zur Dehnung der Fruchthaut und somit zur Entstehung von Mikrorissen.
  • 5. Die kritische Infektionszeit für die Monilia-Krankheit, die an Zwetschgenfrüchten nach der Ernte sichtbar wird und die zu den Reklamationen des Handels und des Verbrauchers führt, liegt hauptsächlich kurz vor und während der Ernte. Es konnten keine Hinweise gefunden werden, dass der Pilz über eine bestimmte Zeit latent in der Blüte bzw. Frucht verharrt und erst zur Fruchtreife oder im Lager zum Ausbruch kommt.
  • 6. Die gegen Monilia an Zwetschgen zugelassenen Fungizide sind wirksam wie In-Vitro-Sensitivitätsscreenings von verschiedenen Monilia-Isolaten aus der Region sowie Fungizidversuche im Freiland und im Labor ergeben haben. Allerdings ist die Applikationstechnik für die Fungizide oft unzureichend (ungleichmässige Verteilung am Baum; wasserabweisende Zwetschgenfruchtoberfläche).
  • 7. Die Erntebedingungen sind besonders kritisch. Mit zunehmender Feuchtigkeit (Blatt- und Fruchtnässe) steigt das Infektionsrisiko dramatisch an. Durch eine sorgfältige, verletzungsarme Ernte sinkt das Befallsrisiko gegenüber einer schnellen Ernte im Akkord deutlich. Ausserdem sind «genussreife» Früchte wesentlich empfindlicher für Monilia-Infektionen als so genannte «pflückreife» Früchte.
  • 8. Die Inkubationszeit, das ist die Zeit von der Infektion der Früchte bis zum Auftreten von Symptomen, ist stark temperaturabhängig. Da die meisten Infektionen während der Ernte erfolgen, kann man durch eine konsequente Kühllagerung unmittelbar nach der Ernte den Ausbruch der Krankheit deutlich hinauszögern.

Fruchtmumien und infizierte Pflanzenteile entfernen

Bekämpfungsmassnahmen während der Blüten- bzw. Fruchtentwicklung dienen demnach hauptsächlich der Ertragserhaltung und der Vermeidung von Infektionen, die dann wiederum als Sporenquelle oder für Sekundärinfektionen dienen. Hierbei sind Massnahmen zur Blüte und ab der Fruchtumfärbung angezeigt, wenn gleichzeitig eine längere Blattnässedauer vorliegt oder zu erwarten ist. Abiotische Schäden wie Hagel oder Sonnenbrand führen zu Fruchtverletzungen, die als Eintrittspforten für den Monilia-Pilz dienen. Nach solchen Ereignissen sind Fungizidmassnahmen ebenfalls sinnvoll. Sollte es zur Blüte und in der letzten Phase vor der Ernte trocken sein, kann vermutlich auf einen Fungizideinsatz in diesen Phasen verzichtet werden. Generell ist es von herausragender Bedeutung, den Infektionsdruck in der Anlage schon vor Austriebsbeginn zu senken, und zwar mittels Entfernen von Fruchtmumien und anderen mit Monilia infizierten Pflanzenteilen aus dem Baum.

Die bisher erzielten Ergebnisse liefern eine gute Datenbasis zur Aufstellung einer effektiven Bekämpfungsstrategie, die im Rahmen der Projektverlängerung in den Jahren 2009 und 2010 überprüft und weiter optimiert werden soll. Ziel ist dabei, den Fungizideinsatz auf ein Minimum zu reduzieren und trotzdem eine effektive Monilia-Bekämpfung zu gewährleisten.

Gemeinsam gegen Sharka – Strategie für die Schweiz

Die Schweiz soll wieder frei von Sharka werden! Sharka ist die gefährlichste Virenerkrankung an Zwetschgen-, Pflaumen-, Aprikosen- und Pfirsichbäumen. Die Krankheit erzeugt Blattflecken und setzt die Leistungsfähigkeit des Baumes herab. Befallene Früchte sind unverkäuflich und ungeniessbar. Der Flächenertrag vermindert sich. Wo Befall auftritt, ist dieser von grosser betriebswirtschaftlicher Bedeutung. Nebst den aufgeführten Obstarten kann Sharka auch verschiedene Zier- und Wildsträucher der Gattung Prunus befallen.

Sharka verbreitet sich in einer Obstanlage schleichend, von Baum zu Baum und von Jahr zu Jahr. Blattläuse übertragen die Viren, vor allem wenn sie im Herbst Probestiche an vielen Bäumen machen, bevor sie sich festsetzen. Die Befallssymptome sind nicht immer eindeutig, die Krankheit wird leicht übersehen. Dadurch ist sie aber auch heimtückisch: Man wird sie nie ganz los, und der Schaden summiert sich über die Jahre. Durch den Transport von Sorten und Unterlagen verbreitet sich Sharka weltweit. Eine direkte Bekämpfung der Viren gibt es nicht. Auch die Bekämpfung der Blattläuse verspricht keinen Erfolg, da schon wenige Blattläuse genügen, um die Viren zu übertragen.

Sharka ist, wie Feuerbrand, eine Quarantänekrankheit, für die eine Meldepflicht an die kantonalen Pflanzenschutzdienste besteht. Die Lage im Ausland ist sehr unterschiedlich: stark mit Sharka verseuchte Regionen stehen solchen gegenüber, die eine rigorose Bekämpfung durchführen.

Nach einem erstmaligen Befall wurde Sharka in der Schweiz in den 1970er Jahren ausgerottet. Nachdem Mitte der 1990er Jahre der Import von Obstgehölzen erleichtert wurde, kam erneut sharkaverseuchtes Pflanzenmaterial in die Schweiz. Seither haben wir einen Befall auf tiefem Niveau. Die Bekämpfung erfolgte bisher dadurch, dass befallene Bäume und ihre Nachbarbäume sofort vernichtet wurden. Diese Massnahmen erwiesen sich jedoch als ungenügend. Das Virus bleibt «latent» in der Obstanlage vorhanden und breitet sich schleichend weiter aus.

Vor diesem Hintergrund wurde gefordert, dass die Bekämpfungsstrategie neu definiert würde. Im März 2009 hat deshalb der SOV, JardinSuisse sowie die kantonalen Pflanzenschutzdienste gegenüber den Bundesstellen Stellung bezogen.

Die Branche und die Pflanzenschutzdienste fordern einstimmig die Tilgung

Würde sich Sharka in der Schweiz noch mehr ausbreiten, wären nicht alle Regionen in gleichem Mass betroffen: Die Anlagen mit neuen Zwetschgensorten sind etwas toleranter gegenüber Sharka. Doch die traditionelle Sorte Fellenberg und die heutigen Aprikosensorten sind allesamt sehr anfällig. Der Zugang zu Neuzüchtungen im Ausland ist für die weitere Entwicklung des Zwetschgenanbaus in der Schweiz wichtig. Da überdies alle Zwetschgenunterlagen in die Schweiz importiert werden, muss der Austausch mit den benachbarten Produktionsgebieten erhalten bleiben.

Trotz diesen teils gegenläufigen Interessen fordern die Produzenten aller Produktionsgebiete als Ziel die Tilgung, also die Ausrottung von Sharka. Die Kosten und Probleme sind für alle zu gross, als dass man mit dieser Krankheit leben könnte.

Wenn die Tilgungsstrategie in der ganzen Schweiz verfolgt würde, bestünde für den Handel mit Steinobstgehölzen keine Einschränkungen im Einkauf und im Absatz in die verschiedenen Gebiete. Alle Regionen würden gleich behandelt, und die Kantone sowie der Bund würden Abfindungen zahlen für die Bäume, die gerodet werden müssten.

Der SOV verlangte in seiner Stellungnahme ein der Krankheit angepasstes Vorgehen. Nur im Umkreis eines befallenen Baums soll gerodet und dann die Parzelle über mehrere Jahre beobachtet werden. Die Befürchtung, dass man etwa ganze Parzellen roden müsste, ist nicht gerechtfertigt: Sharka breitet sich zum Glück nicht epidemieartig schnell aus.

Strategie neu definiert

Der Bund legt nun eine griffige, den Eigenheiten der Sharka angepasste Richtlinie vor, die das Vorgehen bei Befall verbindlich regelt. Sicher ist, dass es langjährige Anstrengungen braucht, um zum Ziel zu gelangen. Die Produzenten müssen das Ihre dazu beitragen. Zertifizierte, mit dem Pflanzenpass ausgezeichnete Obstgehölze haben eine garantierte Rückverfolgbarkeit; sie sollten, wenn immer möglich, bevorzugt werden. Mit Sharka stark belastete Gebiete im Ausland sind zu meiden, auch wenn keine gesetzlichen Importverbote möglich sind. Vor allem aber ist eine auf Sharka ausgerichtete gute Feldbeobachtung und -kontrolle nötig.

In Deutschland besteht ein äusserst aussichtsreiches Zuchtprogramm. Dort hat man eine natürliche Resistenz gegen Sharka gefunden. Diese Resistenz wird jetzt in neue Sorten und Unterlagen eingekreuzt, die in einigen Jahren zur Verfügung stehen werden. Damit steht mittelfristig ein zusätzliches, sehr wirkungsvolles Mittel für die Sharkabekämpfung zur Verfügung.


Adresse für Rückfragen

Hansruedi Wirz
Präsident Früchtezentrum Basel
Reigoldswil
061 941 17 49
079 444 82 22
info@wirz-obstbau.ch

Martin Kockerols
Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW
Postfach, CH-8820 Wädenswil
Tel.: 044 783 62 92
Mobile: 079 592 80 57
E-Mail: martin.kockerols@acw.admin.ch
www.acw.admin.ch

Stephanie Fritsch
LTZ Augustenberg, Aussenstelle Stuttgart
Reinsburgstrasse 107
D-70197 Stuttgart
Tel.: 0049 (0)781 63919980
Fax.: 0049 (0)781 97029718
E-Mail: Stephanie.Fritsch@ltz.bwl.de

Georg Bregy
Schweizerischer Obstverband
georg.bregy@swissfruit.ch
Tel. 041 728 68 80.

Carole Enz
Mediendienst
Forschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil ACW
Tel.: 044 783 62 72
Mobile: 079 593 89 85
E-Mail: carole.enz@acw.admin.ch
www.medien.info-acw.ch


Herausgeber

AGROSCOPE
http://www.agroscope.admin.ch

Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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