Global Food Security – und die Rolle der Schweiz

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Zürich, 16.10.2009 – Bundesrätin Doris Leuthard | Podiumsdiskussion aus Anlass des Welternährungstages 2009 | VIAL ETH Zürich

“Jede sechste Person oder mehr als eine Milliarde Menschen auf der Welt ist unterernährt – mehr als je zuvor in der Geschichte.”

Sehr geehrte Damen und Herren.
Diese Zahlen alleine zeigen wie dringend eine sichere und nachhaltige Ernährung für alle Menschen auf dieser Erde ist. Im Kampf gegen den Hunger steht die internationale Gemeinschaft – auch die Schweiz – in der Pflicht. Wir müssen rasch wirksame und nachhaltige Lösungen gegen den Hunger finden.

In den letzten Jahren hat die Welt als Folge stark gestiegener Agrarpreise eine schwere Ernährungskrise erlebt. Zwar sind die Preise wichtiger Grundnahrungsmittel auf den internationalen Märkten seit Mitte 2008 wieder gefallen. Aber das Preisniveau ist vor allem in den Entwicklungsländern immer noch höher als zu Beginn des Jahrtausends. Die Agrarmärkte werden volatil bleiben; die Tendenz der Preisentwicklung zeigt nach oben.

Die gegenwärtige Wirtschaftskrise hat die Welternährungssituation zusätzlich verschlechtert. Gemäß FAO hat sich die Zahl der an Hunger leidenden Menschen zwischen 2007 und 2009 von 850 Millionen auf mehr als eine Milliarde erhöht. Die Erdbevölkerung dürfte von heute rund 6,6 Milliarden Menschen auf 9,1 Milliarden Menschen im Jahr 2050 ansteigen. Pro Jahr müssen heute schon rund 75 Millionen Menschen – das heisst zehnmal die Bevölkerung der Schweiz  zusätzlich ernährt werden. Das allein zeigt: Die Nachfrage nach Agrarrohstoffen wird weiter stark zunehmen. Hinzu kommt, dass die Erhöhung der Kaufkraft in bevölkerungsreichen Schwellenländern und die damit verbundenen Änderungen des Konsumverhaltens  mehr Kalorien, mehr Fleischkonsum  die Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten weiter ansteigen lassen wird. Indien dürfte in den nächsten 10 Jahren von einem onemealcountry zu einem twomealcountry (pro Tag) werden. All dies lässt die FAO davon ausgehen, dass sich die Nahrungsmittelproduktion bis 2050 verdoppeln muss.

Wir in der Schweiz sind in Bezug auf die nationale Ernährungssicherheit mit der derzeitigen Inlandproduktion und unserer hohen Kaufkraft in einer privilegierten Ausgangslage. Auf internationaler Ebene werden aber angesichts der Tatsache, dass natürliche Ressourcen wie Boden und Wasser begrenzt sind, grosse Anstrengungen notwendig sein, um die globale Ernährungssicherheit bei rasch wachsender Weltbevölkerung heute und morgen gewähren zu können. Die Klimaerwärmung, die asymmetrische Entwicklung der Weltbevölkerung  Überalterung im Norden und Bevölkerungswachstum im Süden  sowie der Verlust von Biodiversität werden die Situation weiter verschärfen. Die globale Landwirtschaft muss trotz Ressourcenknappheit zukünftig mehr produzieren. Das kann nur durch Effizienzsteigerung und nachhaltige Intensivierung zu bewerkstelligt werden.
Was können wir angesichts dieser besorgniserregenden Entwicklungen tun?

Welche Rolle kann die Schweiz im internationalen Kontext übernehmen?

Der Bundesrat hat sich in seiner Antwort zum Postulat Stadler ausführlich zur Thematik „Nahrungsmittelkrise, Rohstoff und Ressourcenknappheit“ geäussert und strategische Handlungsfelder zur Sicherstellung der nationalen und globalen Versorgung aufgezeigt. Wir sind überzeugt, dass es auf globaler Ebene koordinierte, kohärente und wirksame Aktionen der internationalen Gemeinschaft unter Führung der UNO bedarf, um der grossen Herausforderung der Ernährungssicherheit gerecht zu werden. Hierfür braucht es  und dafür setzt sich die Schweiz ein  eine effizientere internationale Gouvernanz im Bereich der Ernährungssicherheit. Die 2008 gegründete „UNO-High Level Task Force on the Global Food Security Crisis“ ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Die Schweiz hat diese Initiative von Anfang an unterstützt. Gegenwärtig wird die Schaffung einer „Global Partnership for Agriculture and Food Security“ diskutiert, welche im kommenden November im Zentrum des FAOWelternährungsgipfels in Rom stehen wird. Diese globale Partnerschaft soll alle interessierten „Stakeholders“, also internationale Organisationen sowie Regierungen, aber auch die Zivilgesellschaft und den Privatsektor, miteinbeziehen. Eine zentrale Rolle in der neuen internationalen Architektur obliegt der FAO und ihrem Komitee für Ernährungssicherheit. Die FAO als UNSonderorganisation für die Welternährung muss deshalb gestärkt aus der gegenwärtig laufenden Reform hervorgehen.

Welche Strategien und Politiken der Ernährungssicherheit bestehen auf internationaler Ebene? Wie positioniert sich die Schweiz diesbezüglich?

In der globalisierten Wirtschaft verbreiten sich nicht nur technologische Entwicklungen rascher über den Globus; auch Krisen und Krankheiten tun dies. Daher muss die Politik ihre Strategien für eine globale Ernährungssicherheit laufend überprüfen und optimieren. Nur dann lässt sich das oberste Ziel erfüllen: die Verwirklichung des Menschenrechts auf Nahrung.

Aus Sicht der Schweiz – und dafür setze ich mich ein  ist die Nachhaltigkeit das Schlüsselwort eines zukünftigen Ernährungssystems. Der Nachhaltigkeitsgedanke mit seiner ökonomischen, sozialen und ökologischen Dimension muss im Zentrum aller politischen und strategischen Überlegungen bei der Ressourcenbewirtschaftung und der Ernährungssicherheit stehen. Diese Haltung vertreten wir im Wissen, dass unsere Bevölkerung und unser Parlament eine solche Politik im Interesse einer produzierenden und nachhaltigen Landwirtschaft unterstützt – und dafür auch jährlich Milliardenkredite spricht.

Die Wirtschaftslehre geht davon aus, dass der Markt von allen Instrumenten am geeignetsten ist, um eine effiziente Nutzung der vorhandenen Ressourcen zu gewährleisten. Ich teile diese Meinung – mit einer Einschränkung. Der Markt funktioniert nur dann langfristig, wenn bestimmte Regeln, Normen und Mechanismen die Ressourcennutzung nach dem Grundsatz der Nachhaltigkeit sicherstellen. Den einzelnen Staaten und der internationalen Gemeinschaft fällt dabei die Aufgabe zu, für die Festlegung und Umsetzung dieses Regulierungsinstrumentariums zu sorgen.

Dem Handel kommt bei der globalen Ernährungssicherung eine entscheidende Bedeutung zu. Multilateral vereinbarte Spielregeln über tarifäre und nicht tarifäre Handelshemmnisse im Rahmen der WTO sowie die grundsätzliche Öffnung der Märkte tragen dazu bei, dass komparative Kostenvorteile in der Produktion die Verfügbarkeit von Grundnahrungsmitteln weltweit fördern. Diese Verfügbarkeit ist ein Schlüsselfaktor der Ernährungssicherheit für diejenigen Entwicklungsländer, die Nettoimporteure von Grundnahrungsmitteln sind. Das zählt auch für industrialisierte Länder wie die Schweiz, welche aufgrund limitierter natürlicher Ressourcen auf Importe angewiesen sind. Der Zugang zu den internationalen Märkten ist aber auch für exportierende Entwicklungsländer zentral. Mit einer weiteren Öffnung der Märkte kann auch die Schweiz hier einen Beitrag zur wirtschaftlichen Entwicklungshilfe in diesen Ländern leisten. Die Schweiz setzt sich auch deshalb im Rahmen der WTO DohaRunde für eine stärkere Reglementierung der Exportrestriktionen ein, wie sie von einzelnen Schwellenländern immer noch angewendet werden. Gerade hier sind international gültige und auch durchsetzbare Spielregeln, wie sie nur die WTO aufstellen kann, der entscheidende Schlüssel.

Darüberhinaus muss die Landwirtschaft auf globaler Ebene durch höhere und gezielte Investitionen ihre Schlüsselstellung in der nachhaltigen Entwicklung zurückerlangen. So kann sie an der Schnittstelle zwischen Produktivitätssteigerung, Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen, ländlicher Entwicklung und Armutsbekämpfung ihre wichtige Funktion wirksam wahrnehmen. Daher befürwortet die Schweiz grundsätzlich internationale Investitionen für die Landwirtschaft und begrüsst insbesondere innovative Finanzierungslösungen wie beispielsweise Partnerschaften zwischen öffentlichen und privaten Akteuren, sogenannten Public Private Partnerships. Uns ist es ein wichtiges Anliegen, dass der Privatsektor zur Sicherung der Ernährungsbasis stärker einbezogen wird. Aus diesem Grund entsteht auf Initiative der Schweizer Regierung gegenwärtig ein partnerschaftliches Projekt zwischen der FAO, Nestlé und dem Bundesamt für Landwirtschaft.

Notwendige Instrumente für verbindliche Verpflichtungen zur Bewältigung der globalen Fragen stellen aber auch internationale Abkommen dar, wie beispielsweise zum Klima oder zur biologischen Vielfalt. Die Schweiz engagiert sich in diesen Foren. Parallel zur WTO bilden solche nichthandelsbezogenen Vereinbarungen die Basis für eine globale Ressourcengouvernanz und eine weltweite Strategie im Kampf gegen den Hunger und den Klimawandel.

In dieser Strategie ist die internationale Entwicklungszusammenarbeit unverzichtbar. Das Schweizer Engagement soll unter anderem dazu beitragen, dass das Millennium Ziel 1 der UNO, nämlich die Halbierung der Zahl der Hungernden bis 2015, erreicht werden kann. Die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) hat ihre Aktivitäten im Bereich der Landwirtschaft ausgebaut. So wurde im Oktober 2008 angesichts der Verschlechterung der Ernährungslage ein Globalprogramm Ernährungssicherheit ins Leben gerufen. Die Schweiz unterstützt dabei besonders jene Länder, die sich nicht selber mit Grundnahrungsmitteln versorgen können. Dabei legen wir das Hauptaugenmerk auf die Förderung der Familienbetriebe. Ein Grossteil dieser Investitionen fliesst in öffentliche und private Einrichtungen wie nationale oder internationale Forschungsund Ausbildungszentren, welche für die Deckung der Bedürfnisse der Bauern und Bäuerinnen sorgen.

Was kann und muss die Schweiz im Inland tun, um zur weltweiten Ernährungssicherheit beizutragen?

Grundsätzlich kann die Schweiz auf zwei Arten zur weltweiten Ernährungssicherheit beitragen. Einerseits, in dem wir uns für offene Märkte einsetzen. Anderseits, in dem wir mit unserer eigenen Landwirtschaftspolitik dafür sorgen, dass unsere Bauern wettbewerbsfähig sind und qualitativ hochwertige Nahrungsmittel produzieren können.

  • Landwirtschaftliche Böden besser schützen:

    – Das gute Kulturland muss insbesondere auch in wasserreichen Gebieten wie der Schweiz erhalten bleiben. Die für die Landwirtschaft zur Verfügung stehenden Flächen nehmen aber ab.
    – Insbesondere die Fruchtfolgefläche, das gute Ackerland, muss besser geschützt werden. Die anstehende Revision des Raumplanungsgesetzes bietet hier eine Chance.
    – Auch das Projekt zur Weiterentwicklung des Direktzahlungssystems (Projekt WDZ) bietet einen Ansatzpunkt: So könnten zum Beispiel eingezonte Flächen von den Direktzahlungen ausgeschlossen werden.

  • Wasserverfügbarkeit sicherstellen trotz Klimawandel (Sommertrockenheit)
  • Bodenbewirtschaftung anpassen (frühere Aussaat im Frühling, ganzjährig möglichst lückenlose Bodenbedeckung)

    – Entwicklung angepasster sparsamer Wasserverteilungstechnologien
    – Hier besteht Forschungsbedarf!

  • Landwirtschaftliche Produktion unter Wahrung der Qualität der Ressourcen Boden, Wasser, Biodiversität sowie Klima/Luft sicherstellen

    – Haupansatzpunkt ist die Verbesserung der Ressourceneffizienz (Boden, Wasser) und der Effizienz im Betriebsmitteleinsatz (Dünger, Pflanzenschutzmittel, Energie)
    – Auch hier bietet WDZ interessante Lösungsansätze (Anreize für eine Schliessung der Stoffkreisläufe und zur weiteren Reduktion der Stickstoff und Phosphorverluste)
    – Auch hier müssen Forschung und Beratung einen wesentlichen Beitrag leisten.

Meine Damen und Herren, die Politik muss Antworten auf alle die aktuellen Fragen finden. Wissenschaft, Forschung und Entwicklung aber müssen vorausschauend Lösungswege aufzeigen, um einerseits sich abzeichnende Klimaveränderungen frühzeitig zu bremsen oder zu korrigieren. Anderseits sind Sie aufgefordert, Lösungsansätze gegen drohende Hungerkatastrophen zu finden. Die Schweiz geniesst im Bereich der Forschung und Entwicklung international einen sehr guten Ruf und verfügt über ein grosses Potential. Schweizerisches Knowhow in der landwirtschaftlichen Forschung, Betriebsberatung und Ausbildung ist im Hinblick auf eine zukünftig ausreichende Versorgung der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln gefragter denn je. In diesem Sinne freue ich mich über die anstehende Diskussion mit Ihnen über den Beitrag der Schweiz und insbesondere der Schweizer Forschung zur globalen Ernährungssicherheit.

Es gilt das gesprochene Wort !


Herausgeber

Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
http://www.wbf.admin.ch

Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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