Kritische Konsumenten fördern die Qualität

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Bern, 13.03.2013 – Rede (Hochdeutsch und Französisch) von Johann N. Schneider-Ammann, Bundesrat, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung WBF

Sehr geehrte Frau Präsidentin
Sehr geehrte Damen und Herren
Mesdames et Messieurs

Ich danke Ihnen, dass Sie mich heute zu Ihrem Symposium eingeladen haben, welches Sie im Rahmen des Welttags der Konsumentenrechte durchführen. Gerne ergreife ich die Gelegenheit, mit Ihnen zum Schluss Ihrer Tagung einige Gedanken zur Rolle der Konsumenten in einer wettbewerblichen Marktwirtschaft auszutauschen.

Drei Stichworte liegen mir dabei besonders am Herzen. Eigenverantwortung, Qualität und Kosten. Pferdefleisch in der Lasagne, Dioxin in Hühnereiern, Antibiotika im Kalbfleisch: Solche und ähnliche Schlagzeilen machen immer wieder die Runde, in jüngster Zeit besonders. Und sofort wird in Hörerforen und Leserbriefspalten die Frage laut: „Wem kann ich denn noch trauen?“

Eines ist klar:

Eine immer grössere Zahl von Konsumentinnen und Konsumenten ist verunsichert. Darunter leidet nicht nur der Detailhandel, betroffen ist auch die verarbeitende Nahrungsmittelindustrie. Und betroffen ist schliesslich die Landwirtschaft. Und wie das Amen in der Kirche ertönt der Ruf nach Massnahmen, nach mehr Kontrollen, nach schärferen Gesetzen. Aber das, meine Damen und Herren, das kann es nicht sein. Wir brauchen nicht mehr Reglemente, wir brauchen keine neuen Verordnungen und wir brauchen keine schärferen Gesetze.

Wir sind mit unseren liberalen Grundsätzen in der Schweiz gut gefahren. Ich bin entschieden gegen eine Ausweitung der Bürokratie. Was wir aber ganz dringend brauchen, ist mehr Eigenverantwortung. Wir brauchen eigenverantwortliche Konsumenten, wir brauchen aber auch eigenverantwortliche Produzenten. Vor allem brauchen wir eigenverantwortliche Verarbeiter. Voraussetzung für Eigenverantwortung ist Wissen, ist Information.

Dabei ist es Sache jedes einzelnen, sich dieses Wissen und die nötigen Informationen zu beschaffen. Diesbezüglich bin ich eigentlich ganz zufrieden mit der Situation in unserem Land, hinsichtlich Konsumentenbewusstsein sind wir in der Schweiz gut unterwegs. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt der langjährigen Arbeit unserer Konsumentenorganisationen. Unterstützt von qualifizierten Medien haben sie das Wissen und das kritische Bewusstsein der Konsumentinnen und Konsumenten in unserem Land über die Jahre hin geschärft.

Das heisst aber nicht, dass man jetzt ausruhen könnte. Im Gegenteil. Mit der Globalisierung und der damit verbundenen Öffnung der  Märkte hat sich auch die Produktepalette grundlegend verändert, welche heute die Regale in unseren Läden füllt. Immer weniger wissen wir, wer genau die Waren produziert hat, die angeboten werden.

Und noch weniger kennen wir die Umstände, unter denen sie produziert wurden. Dies stellt uns Konsumentinnen und Konsumenten vor eine grosse Anforderung. Sie lautet: Wie sollen wir verantwortungsvoll aus einer komplexen und vielfältigen Produktpalette auswählen? Das zeigt in aller Deutlichkeit, wie wichtig Information und Ausbildung der Konsumentinnen und Konsumenten sind. In diesem Sinne haben Sie mit Sicherheit den Nerv der Zeit getroffen, wenn Sie für dieses Symposium das Thema „Ausbildung der Konsumenten über ihre Rechte“ gewählt haben.

Dabei wäre es im Grunde ganz einfach: Konsumentinnen und Konsumenten haben das Recht, mit guter Ware bedient zu werden. Das heisst: Es muss in der Packung sein, was auf der Packung steht. Alles andere ist Betrug. Mit dem Recht allein ist es aber nicht getan. Denn leider bedeutet Recht zu haben nicht in jedem Fall, auch Recht zu bekommen. Rechte müssen genutzt werden. Manchmal müssen Rechte gar erstritten werden. Dafür muss man die Rechte kennen.

Mesdames et Messieurs,

Lorsque les consommatrices et les consommateurs formulent des exigences en matière de qualité et les imposent par le biais de leur comportement d’achat, ils contribuent de façon substantielle à établir des modes de production durables. Car ils forcent ainsi tous les producteurs à offrir de la qualité. Et de cela s’ensuit nécessairement que la qualité s’améliore de façon générale. Autrement dit: des consommatrices et des consommateurs avertis et exigeants contribuent à l’amélioration de la qualité des produits et des prestations.

Mieux.

Ils poussent ainsi les entreprises et notre pays à devenir plus compétitifs et à innover. Le marché ne peut cependant fonctionner que si les consommatrices et consommateurs peuvent se fier aux producteurs et productrices. Si cette confiance est ébranlée de façon irréparable, que cela soit à l’égard d’une entreprise prise isolément ou de tout un secteur économique, cela peut avoir des conséquences gravissimes!

Pire.

Quelques moutons noirs suffisent généralement pour nuire à tous ceux qui se comportent correctement. Les coûts d’une perte de confiance comme nous devons la constater aujourd’hui, sont difficiles à évaluer, – en particulier à long terme. Comme on me l’a soufflé l’autre jour: il faut sept ans pour se constituer une bonne image. Il suffit de sept jours pour mettre le client en rage !

Meine Damen und Herren,

Um die Qualität unserer Nahrungsmittel zu steigern, habe ich im letzten Frühling zusammen mit Vertretern von Handel, Industrie, der Landwirtschaft und den Konsumentenorganisationen die Qualitätsstrategie 2012 lanciert. Was bedeutet Qualität in der Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft? Es geht in erster Linie um Authentizität, um Sicherheit und um Gesundheit. Das gibt es nur, wenn Tiere in artgerechter und naturnaher Haltung leben können und wenn Böden nicht übernutzt werden. Wenn unsere Landwirtschaft nachhaltig produziert. Das will ich im Übrigen auch mit der AP 14 – 17, die in diesen Tagen zu Ende beraten wird: Das sind die Kernwerte, auf welche Sie sich in der Qualitätsstrategie geeinigt haben.

Mit den Kernwerten Authentizität, Sicherheit, Gesundheit, Natürlichkeit, tiergerechte Haltung und Nachhaltigkeit wird die Qualitätsstrategie zu einem wichtigen Baustein für die Zukunft der Land- und Ernährungswirtschaft: Mit den Qualitätsattributen kann sie sich längerfristig auch auf den internationalen Märkten behaupten. Und mit diesen Qualitätsattributen kann unsere Nahrungsmittelindustrie auch wieder die einheimischen Märkte zurückgewinnen. Nach den Skandalen, die ich eingangs erwähnt habe, ist dies besonders wichtig.

Qualität hat aber ihren Preis.

Als Volkswirtschaftsminister muss es mir in erster Linie darum gehen, dass die Qualität unserer Waren stimmt, die Kosten aber gleichzeitig in einem angemessenen Verhältnis stehen. Grundlage dafür ist eine wirksame Wettbewerbspolitik. In diesem Sinne ist die anstehende Revision des Kartellgesetzes auch für die Konsumenten von besonderer Bedeutung. Sie ist ein wichtiges Element, um die hohen Preise in der Schweiz zu bekämpfen. Mit der Kartellgesetzrevision sollen jene Unternehmen härter angefasst werden, welche Preise absprechen und Gebiete vom Wettbewerb abschotten. Bei solchen Verhaltensweisen müssen überzeugende Effizienzgründe vorliegen, ansonsten sind sie unzulässig. Aber auch da gilt, was ich eingangs schon gesagt habe: wir sollten dabei nur das gesetzlich regeln, was wir auch umsetzen können.

Gestatten Sie mir schliesslich noch einen kurzen Exkurs zum Thema Einkaufstourismus. Der Kampf gegen die Hochpreisinsel ist eine wirtschaftspolitische Daueraufgabe. Die Aufwertung des Frankens hat die Bedeutung dieser Aufgabe verstärkt. Ein tieferes allgemeines Preisniveau ist nicht nur für die Konsumentinnen und Konsumenten von Interesse, deren Kaufkraft dadurch erhöht wird. Dank sinkender Beschaffungskosten wird auch die Exportwirtschaft preislich wettbewerbsfähiger; bei einer anhaltenden Inflationsdifferenz zum umgebenden Ausland wird deshalb ein Eurokurs von Fr. 1.20 sukzessive erträglicher.

Schliesslich fördert die Importkonkurrenz den Strukturwandel im Inland und erzwingt Produktivitätszuwächse. Letztere sind die Voraussetzung für steigende Reallöhne und Wohlstand. Der Frankenkurs hat dem Einkaufstourismus einen neuen Schub verliehen. Das ist für inländische Hersteller und Händler sehr schmerzlich. Aber wie verschiedene Untersuchungen zeigen, ist die preissenkende Wirkung im Inland teilweise angekommen.

Die sinkenden Importpreise schlagen sich sogar in einer negativen Konsumteuerung nieder. Einkaufstourismus hat eine bedeutende Kehrseite: Er hat zur Folge, dass die erhebliche Wertschöpfung auf Stufe Vertrieb nicht mehr in der Schweiz anfällt. Der Detailhandel bleibt gefordert und muss innovativ sein.

Ein stillschweigender „Preiszuschlag Schweiz“ wird von der Konsumentenschaft – aber auch von der exportierenden Wirtschaft – nicht mehr einfach hingenommen. Die privaten Akteure müssen deshalb im Einkauf hart verhandeln, neue Lieferkanäle erschliessen und neue Produktvarietäten auf den Markt bringen. Das Wettbewerbsrecht kann hier unterstützend wirken.

Lassen Sie mich zu Schluss kommen. Ich danke der Eidgenössischen Kommission für Konsumentenfragen, dass sie sich der  Konsumentenbildung angenommen und diese zum Thema des heutigen Symposiums gemacht hat. Sie nimmt damit ihre Funktion als Radar von konsumpolitischen Themen wahr und ich hoffe, sie konnte damit auch bei Ihnen, sehr geehrte Damen und Herren, die Sensibilität für diese wichtige Aufgabe schärfen.

Ich danke auch dem Eidgenössischen Büro für Konsumentenfragen.

Mit seiner Arbeit leistet es einen wesentlichen Beitrag zum Vertrauen der Konsumentinnen und Konsumenten in unseren Markt und damit in unsere Wirtschaft. In diesem Sinne betreibt das Büro für Konsumentenfragen die Dienstleistung
„i-punkt“, die Plattform zur Konsumentenbildung.

Ziel der Datenband ist die Vermittlung von Wissen, das für Konsumentinnen und Konsumenten relevant ist, im Speziellen für den Lehrunterricht, aber auch für Privatpersonen. Mein Departement heisst WBF, Wirtschaft, Bildung und Forschung. Eines meiner Ziele ist es also, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner unseres Landes zu verantwortlichen Bürgerinnen und Bürgern ausgebildet sind. Dazu trägt die Konsumentenbildung ganz wesentlich bei.

Kurz: Je gebildeter die Menschen, der Produzent, die Konsumentin, umso höher die Ansprüche und die Qualität, ergo umso grösser die Erwartungen an einwandfreie Produkte. Auch hier gilt: „Ich will Ordnung im Stall.“ Mit dieser Devise, mit der Hoffnung und mit dem ausdrücklichen Willen, dem Standort Schweiz die besten Produktionsbedingungen und die sichersten Produkte anzubieten, danke ich Ihnen für Ihr Engagement und für Ihre Aufmerksamkeit.

Es gilt das gesprochene Wort


Adresse für Rückfragen

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Herausgeber

Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung
http://www.wbf.admin.ch

Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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