Migros Konsumententagung

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Zürich, 30.04.2013 – Rede von Bundesrat Alain Berset anlässlich der Migros Konsumententagung „Das Essen und die Politik“ – Es gilt das gesprochene Wort.

„Sag mir, was du isst und ich sage Dir, wer Du bist“.

Dieser berühmte Aphorismus des französischen Schriftstellers Jean-Anthelme Brillat-Savarin enthält mehr als nur eine Prise Wahrheit. Essen und Identität gehören zusammen:

  • Das sieht man daran, dass Einwanderer immer auch ihr Essen in die Kultur der neuen Heimat einbringen. Zum Glück, sonst wäre das kulinarische Angebot in der Schweiz nicht so vielfältig.
  • Soziale und kulturelle Veränderungen lassen sich unschwer am Essen ablesen. Man nehme das Beispiel England: Kolonialgeschichte, Immigration und Zeitknappheit der gehetzten modernen Arbeitskraft. Das ergibt Chicken Tikka Masala. Dieses Gericht war bis vor kurzem das beliebteste Essen im Vereinigten Königreich. Kürzlich wurde es vom Platz eins verdrängt. Und zwar nicht vom Yorkshire Pudding, sondern von der China-Pfanne. Da geht die Zubereitung noch schneller!
  • Wie Ernährung und Identität zusammenhängen, sieht man auch daran, dass Lebensstile sich stark auf eine bestimmte Ernährungsweise stützen. Längst nicht nur Vegetarier oder Veganer definieren sich über ihr Essen.
  • Ernährung ist – gerade in letzter Zeit wieder – zum Gegenstand politischer Bekenntnisse geworden; so zum Beispiel im Bestseller „Tiere essen“ – der Anklageschrift des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Safran Foer gegen die Fleischindustrie. Brillat-Savarins Sicht der Dinge käme heute bei vielen gar nicht mehr gut an. Er schrieb: „Wenn ein echter Feinschmecker ein Rebhuhn verspeist, so kann er sagen, auf welchem Bein dieses zu schlafen pflegte.“
  • Dass Ernährung Identität bedeutet, zeigt sich auch daran, dass sich zum Beispiel Europäer um das Überleben ihrer regionalen Küchen und genetische Veränderungen der Nahrung sorgen. Wohingegen sich Amerikaner für letzteres kaum interessieren, dafür umso mehr für Hygiene und hohe Produktionsstandards.

Und schliesslich gibt es natürlich jene Gerichte, die symbolisch sind für ihre Herkunftsregion:

  • Japan und Sushi
  • Italien und Pasta
  • England und Lasagne

Gemäss einer ernsthaften Theorie soll Lasagne nämlich englischen Ursprungs sein: Im „Forme of Cury“, einer Rezepte-Sammlung der Köche am Hofe von König Richard II. von England aus dem 14. Jahrhundert, findet sich das Gericht „loseyns“. Es ist eine geschichtete und mit Käse überbackene Nudelplatte – eben Lasagne.

Essen und Region gehört auch in der Schweiz eng zusammen – von der Aargauer Rüeblitorte über das Bündnerfleisch bis zur Waadtländer Saucisson.

Und Zürich hat eine Spezialität zu bieten, die wirklichen Weltruhm geniesst: das Birchermüesli.

Erfunden wurde es vor etwas mehr als 100 Jahren vom Zürcher Arzt Doktor Bircher-Benner.

Da ich weder Volkskundler noch Sozialpsychologe bin, weiss ich nicht, was das Birchermüesli über die Zürcher Identität aussagt – aber als Gesundheitsminister kann ich es nur in den höchsten Tönen loben.

Das Birchermüesli enthält, nebst vielen gesunden Zutaten, auch noch drei wichtige politische Erkenntnisse:

  • Erstens war Birchers Rohkostbewegung eine Bewegung der gehobenen Mittelschicht, der Wohlhabenden, die sich um ihre Gesundheit Gedanken machten. Und die auch die dazu nötige Bildung mitbrachte sowie das Kleingeld für die nicht ganz billige Klinik von Doktor Bircher. Das erinnert an die Gegenwart: die Debatte um Ernährung und Wellness ist überall, aber sie erreicht nicht alle. Deshalb ist es zwingend, dass wir an einem Bewusstseinswandel in Sachen Ernährung arbeiten, der alle erfasst, auch die ärmeren und bildungsferneren Schichten der Gesellschaft. Die Idee der Vorbeugung durch Ernährungswissen bleibt richtig und wichtig, auch wenn das Wort „Prävention“ bei einigen hierzulande allergische Reaktionen auszulösen scheint.
  • Die zweite politische Lehre des Birchermüeslis ist simpel: Die Zutaten von Dr. Birchers Müesli waren transparent. Jede und jeder wusste, was drin war. Das ist heute noch wichtiger als vor hundert Jahren. Man denke nur an die Komplexität der globalen Nahrungsmittelproduktion.
  • Drittens geht es in Sachen Ernährung nicht ohne Widersprüche. Man darf nicht allzu puritanisch sein. Im originalen Birchermüesli von Doktor Bircher wurde zwar der ganze Apfel geraffelt, mitsamt dem Kerngehäuse. Aber statt frischer Milch schreibt das Original-Rezept gezuckerte Kondensmilch vor. Das ist doch beruhigend: Sogar der Vordenker der Gesundheitsgesellschaft war nicht frei von Widersprüchen. Im Original-Birchermüsesli gab es übrigens ausser Äpfeln auch keine anderen frischen Früchte.

Der Anfang Jahr veröffentlichte Ernährungsbericht zeigt deutlich gewisse beunruhigende Tendenzen:

  • Fertiggerichte und Convenience-Food, die hohe Mengen an Fett, Salz und Zucker enthalten, sind weiterhin auf dem Vormarsch. Deshalb sind Initiativen wie die „actionsanté“ des Bundesamts für Gesundheit, bei der die Migros zu den ersten und wichtigsten Teilnehmern gehört, von grosser Bedeutung. Sie kann dank ihres Marktanteils in Sachen Fett- und Zuckerreduktion eine grosse Hebelwirkung ausüben. Ich begrüsse jedes Engagement, das in diese Richtung zielt.
  • Die Zahl der Fettleibigen bleibt sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern konstant hoch. Folge davon sind in erster Linie Herz-Kreislauf-Probleme. Aber eine unausgewogenen Ernährung führt auch vermehrt zu Diabetes mellitus und Krebs. Im Ernährungsbericht steht, dass sich in den letzten fünf Jahren Übergewicht und Adipositas – also krankhafte Fettleibigkeit – mehr als verdoppelt haben und heute Kosten von 5,8 Milliarden Franken pro Jahr verursachen.

Besonders Männer, Jugendliche und Menschen mit niedrigem Bildungsniveau sind sich der Bedeutung der Ernährung für die Gesundheit zu wenig bewusst. Frauen, ältere und gut Ausgebildete hingegen verhalten sich wesentlich vernünftiger, was die Ernährung angeht.

Es ist, als lebten wir in zwei Gesellschaften: einerseits übergewichtige Menschen mit gesundheitlichen Problemen; andererseits sportliche und gesundheitsbewusste Menschen mit ungleich grösseren Lebenschancen.

Wir leben in Zeiten, in denen die Gesellschaften – bedingt durch die Globalisierung – auseinander zu driften drohen. Das gilt punkto Einkommen und beruflichen Perspektiven. Aber es gilt eben auch, was das Gesundheitsbewusstsein und das Essverhalten angeht.

Extreme Ungleichheit schwächt unser Land, in dessen Geschichte die Solidarität immer eine wichtige und manchmal etwas unterschätzte Rolle gespielt hat. Diese Ungleichheit führt zudem zu enormen Kosten, die eine Gesellschaft in Form von Gesundheits- und Sicherheitsausgaben bezahlen muss.

Deshalb gilt es, auch beim Thema Ernährung an der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu arbeiten. Die Verbreitung von Wissen über gesunde Ernährung ist ein wichtiger Baustein einer nachhaltigen Gesundheits- und auch Sozialpolitik.

Im Gastronomie-Lehrbuch von Brillat-Savarin heisst es auch: „Das Schicksal der Nation hängt von der Art ihrer Ernährung ab“.

Wenn wir vom Pathos des damaligen Zeitgeists abstrahieren, müssen wir sagen: Er hat recht.

Der Ruf nach Eigenverantwortung ist in der Schweiz immer wieder zu hören – gerade auch im Zusammenhang mit Ernährungs- und Lifestyle-Fragen.

Aber um Eigenverantwortung wahrnehmen zu können, braucht es Transparenz und verlässliche Informationen.

Die Totalrevision des Lebensmittelgesetzes, die nun im Parlament behandelt wird, verfolgt unter anderem das Ziel der Transparenz und der genügenden Information. Und auch das Ziel, den Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten ein höheres Niveau an Schutz zu bieten.

Ich komme zur dritten politischen Lektion des Birchermüesli. Das Original-Rezept enthielt gezuckerte Kondensmilch. Aber das Birchermüesli war trotzdem – alles in allem – gesund.

Man darf also nicht allzu streng sein. Wir können ja nicht die ganze Zeit nur Birchermüesli essen. Manchmal haben wir auch Lust auf ein Fondue. Zumindest geht es mir so.

Und Essen ist vor allem auch Genuss. Jeder Experte wird bestätigen: Es kommt auf eine ausgeglichene Ernährung an – nicht auf eine radikal gesunde, die sich dann in ihrer Einseitigkeit als gar nicht so gesund entpuppt.

Es kommt auf die Balance an.

So wie in der Schweiz. Unser Land verdankt seinen Erfolg einer Politik der Balance. Darauf sind wir spezialisiert. Wir können nicht anders, als immer wieder das Gleichgewicht zu suchen zwischen den verschiedenen Sprachen, Religionen, Landesteilen, Kantonen.

Es geht auch bei der Ernährung um das Finden der Balance. Nicht um Verbote, sondern um Vernunft. Um den – nicht zufällig so genannten – gesunden Menschenverstand.

Und es geht um Chancengleichheit: Denn wie die Bildung insgesamt ist auch die Bildung in Sachen Ernährung ungleich verteilt. Und es würde ja auch niemand eine staatliche Willkür anprangern beim Anliegen, es müssten in der Schweiz möglichst alle gesellschaftlichen Milieus die gleichen Bildungschancen haben. Deshalb sind auch allzu nervöse Reaktion – wie die Angst vor „staatlicher Bevormundung“ – nicht gerechtfertigt.

Wir müssen die Schere zwischen dem immer anspruchsvolleren Gesundheitsverhalten der Wellness-Elite und dem suboptimalen Ernährungsstil der bildungsfernen Schichten verkleinern.

Das kann selbstverständlich nicht nur die Politik alleine. Wir brauchen auch das Engagement der wichtigen Akteure aus Wirtschaft und Gesellschaft:

Um zum Schluss nochmals auf Bircher zurückzukommen: Er war felsenfest überzeugt davon, dass sein Birchermüesli Sonnenlicht enthielt – weil Pflanzen Sonnenlicht aufnehmen, Tiere jedoch nicht. So Birchers Theorie.

Der Tenor in seiner Zeit, um die Jahrhundertwende, lautete hingegen: Man müsse möglichst viel Fleisch essen, das mache stark und gesund.

Rückblickend darf man sagen: Beide Theorien sind ungefähr gleich falsch.

Weder hat es im Birchermüesli Sonnenlicht, noch bedeutet der Biss in ein Steak den Anfang vom Ende.

Auf die Ausgewogenheit – ungeachtet dessen, ob man vegetarisch isst oder nicht – kommt es an, auch bei der politischen Debatte über das Essen.

Diese Erkenntnis kommt für den Doktor Bircher allerdings zu spät. Als dieser im Januar 1900 – eine neue Welt tat sich auf! -im Zunfthaus zur Saffran vor der Zürcher Ärzteschaft erstmals öffentlich die Meinung vertrat, dass Früchte und Gemüse gesünder seien als Fleisch, stiess er auf feindselige Reaktionen. Der Präsident der Ärztekammer erklärte: „Doktor Bircher, jetzt haben Sie den Boden der Wissenschaft verlassen!“ Er wurde sogar ausgeschlossen.

Diese Episode zeigt: Im Gegensatz zur kulinarischen Welt gibt es in der Ernährungspolitik keine fixfertigen Rezepte. Und mit Widerstand ist zu rechnen, auch wenn dieser nicht ganz so heftig ist wie der eben beschriebene.

Mein Ziel ist es, in der Gesundheitspolitik, in der so viele Einzelinteressen mitmischen, das Gemeinwohl – das Wohl der Patientinnen wie auch der Prämienzahler – wieder zu stärken.

Alle sollen in den Genuss des medizinischen Fortschritts kommen. Alle sollen möglichst gesund und die Krankenkassenprämien bezahlbar bleiben.

Es ist wie mit dem Körpergewicht. Man muss dranbleiben.

Bei der Ernährungspolitik geht es um die Nachhaltigkeit unseres Gesundheits- und Sozialsystems.

Beim Essverhalten geht es um Nachhaltigkeit in eigener Sache.

Beides sind keine Sprints, die man schnell gewinnen kann. Sondern Marathon-Läufe, bei denen man ans Ziel kommen muss.

Man nimmt ja auch nicht zwischen Weihnachten und Neujahr zu – sondern zwischen Neujahr und Weihnachten.


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Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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