Sortenvielfalt an Schweizer Pflaumen und Zwetschgen höher als erwartet

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Wädenswil, 26.09.2013 – Die Sortenvielfalt beim Obst ist eine wichtige Basis für Landwirtschaft und Forschung – für optimal an lokale Bedingungen angepasste Bäume und für die Züchtung neuer Sorten mit guten Eigenschaften alter Sorten. Jetzt stehen bei Agroscope die Resultate für die Sortenvielfalt bei Pflaumen und Zwetschgen fest. Die Ausbeute an einzigartigen Sorten ist höher als erwartet – von 400 Herkünften erwiesen sich rund zwei Drittel als einzigartig, das entspricht 285 Sorten. Zum Vergleich: Bei Schweizer Äpfeln war die Ausbeute prozentual geringer – unter 2500 Apfel-Herkünften aus der ganzen Schweiz stellten sich 1300 als einzigartige Sorten heraus, also etwas mehr als die Hälfte.

An der Forschungsanstalt Agroscope werden die Eigenschaften tausender alter Obstsorten untersucht. Nebst Apfel, Birne und Kirsche stehen einheimische Pflaumen und Zwetschgen im Fokus des Projektes «Beschreibung von Obstgenressourcen» (BEVOG), das im Rahmen des Nationalen Aktionsplans zur Erhaltung Pflanzengenetischer Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft läuft (NAP-PGREL, siehe Kasten). Erstmals ist es den Agroscope-Forschenden nun gelungen, die Anzahl noch vorhandener, einzigartiger Pflaumen- und Zwetschgensorten in der Schweiz zu bestimmen.

Dazu wurden von allen Sorten, die im nationalen Obstinventar vorhanden sind, nebst der umfangreichen Erhebung von Frucht- und Baumeigenschaften auch genetische Profile erstellt. Mit Hilfe so genannter molekularer Marker erfasste man die spezifischen «genetischen Fingerabdrücke» jeder Sorte. Auf diese Weise war es möglich, die einzigartigen Sorten zu identifizieren. Bei den Pflaumen und Zwetschgen wurden diese Arbeiten vor kurzem abgeschlossen. Dabei stellte sich heraus, dass von den rund 400 untersuchten Herkünften deren 285 genetisch einzigartig sind – zwei Drittel also. Die Ausbeute ist damit bemerkenswert gross, denn bei 2500 untersuchten Apfel-Bäumen waren nur knapp mehr als die Hälfte einzigartig.

Ursprung im Nahen Osten

Im Gegensatz zu Äpfeln und Birnen sind Pflaumen und Zwetschgen grösstenteils selbstfruchtbar. Das heisst, sie benötigen keine fremde Sorte, um die Blüten zu bestäuben und Früchte hervorzubringen. Aus diesem Grund sind sich die Nachkommen genetisch sehr ähnlich. Zu den Pflaumen Prunus domestica gehören neben den Zwetschgen auch die Halbzwetschgen, Reineclauden und Mirabellen. Der Ursprung von P. domestica befindet sich vermutlich im Nahen und Mittleren Osten. Eine Sortengruppe, welche sich sehr weit zurückdatieren lässt, ist die im Jura weit verbreitete Prune de Damassine. Ihre ursprüngliche Herkunft kann nicht genau bestimmt werden, vermutlich stammt sie aus dem heutigen Syrien und verbreitete sich von dort über römische Handelswege bis in die Westschweiz. Der Name Damassine bezieht sich wahrscheinlich auf die syrische Hauptstadt Damaskus.

Eine Pflaume mit waschechten Schweizer Wurzeln

Im Gegensatz zu anderen Obstarten gibt es verhältnismässig wenige Pflaumensorten, die mit Sicherheit in der Schweiz entstanden sind. Eine dieser raren Vertreterinnen ist die Prune de Chézard, die von der Vereinigung Fructus vor kurzem zur Obstsorte des Jahres gekürt worden ist. Sie hat ihren Ursprung als Sämling im Neuenburger Jura. Trotzdem sind viele ursprünglich aus dem Ausland stammenden Sorten mittlerweile so sehr in der Schweiz verankert, dass sie schon fast als heimisches Kulturgut angesehen werden können (Damassine, Bühler Zwetschge, Fellenberg, etc.).

Bemerkenswerte Vielfalt

Ganz allgemein gelten vielseitige Landschaften und Klimaregionen als Basis für ein hohes Mass an Biodiversität. Sie sind somit grundlegend für die bemerkenswerte Sortenvielfalt, welche die Schweiz im Laufe der vergangenen Jahrhunderte hervorgebracht hat. Folglich gibt es hierzulande in vielen Gegenden häufig Sorten, die nur regional oder lokal verbreitet sind. In den Westschweizer Kantonen (ohne Wallis) kommen rund ein Viertel aller inventarisierten Pflaumen-Sorten vor.

Ende des Jahres sind dann auch die abschliessenden Ergebnisse der molekulargenetischen Analysen für die Schweizer Kirschensorten zu erwarten.

Kasten: 

Details zum Nationalen Aktionsplan zur Erhaltung pflanzengenetischer Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft

Die einheimischen Stein- und Kernobstfrüchte wurden im Rahmen des Nationalen Inventarisierungsprojekts in das Schweizer Obstsorteninventar aufgenommen. Seither werden jene Obstsorten fortlaufend von den Forschenden des BEVOG-Projekts bei Agroscope beschrieben.

Das NAP-Projekt «Beschreibung von Obstgenressourcen» (BEVOG) wird vom Bundesamt für Landwirtschaft BLW finanziell unterstützt und im Auftrag von Fructus bei Agroscope durchgeführt. Im Projekt werden jährlich die Eigenschaften von ca. 300 Obstsorten erfasst. Im Rahmen der gesamtschweizerischen Inventarisierung alter Obst- und Beerensorten in den Jahren 2000-2005 wurden von rund 3000 alten Obstsorten Edelreiser geschnitten, woraus junge Bäume zur Erhaltung in Obstsortensammlungen produziert wurden. Diese Erhaltungs-Sammlungen sind ein bedeutender Genpool für die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft und für die Forschung.

Agroscope besteht aus den Forschungsanstalten Agroscope Changins-Wädenswil ACW, Agroscope Liebefeld-Posieux ALP-Haras und Agroscope Reckenholz-Tänikon ART und ist das Kompetenzzentrum des Bundes für Agrarforschung. Die drei bisherigen Forschungsanstalten werden ab 2013 organisatorisch zu einer einheitlichen Forschungsanstalt Agroscope unter der Leitung von Michael Gysi zusammengeführt. Die Forschungstätigkeiten werden weiterhin an den verschiedenen Standorten durchgeführt.


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Herausgeber

AGROSCOPE
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Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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