Ohne Cash kein Flow – European Payment Report 2021

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Long Covid trifft auch die Wirtschaft. Über 80 Prozent der befragten Unternehmen befürchten, dass die negativen finanziellen Auswirkungen der Pandemie noch mindestens ein halbes, wenn nicht bis zu zwei oder gar mehr Jahre spürbar sein werden. So lange werden sie auch vermehrt mit Zahlungsverzögerungen und -ausfällen rechnen müssen und trotz der sich deutlich erholenden Wirtschaft nur schwerlich wieder wachsen können. Denn ohne zuverlässig kalkulierbaren Cashflow fehlt ihnen die notwendige finanzielle Stabilität. Um dagegen anzukämpfen, ergreifen viele Unternehmen neue Massnahmen zur Verbesserung ihrer Liquidität und ihres Schuldenmanagements.

Die gute Nachricht zuerst: Viele Schweizer Unternehmen bewiesen sich im Covid-Jahr nicht nur als erfreulich stressresistent, sondern zeigen sich bereits wieder so wachstums- und zukunftsfreudig wie seit Jahren nicht mehr. Im Rahmen der Befragung des European Payment Report 2021 (EPR) von Intrum zeigen sich fast 40 % der sonst eher verhalten zuversichtlichen Schweizer optimistisch. Weil aber erst ein genügend hoher, zuverlässig vorhersehbarer Cashflow für finanzielle Stabilität sorgt und nur freie Mittel die Voraussetzung für Wachstum schaffen, schliesst hier die schlechte Nachricht gleich nahtlos an: Bei 83 % der befragten Schweizer Unternehmen verursachten verspätete Zahlungen Probleme, bei einem Drittel von ihnen führten sie gar zu existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen! Über die Hälfte von ihnen war in den letzten zwölf Monaten gebeten worden, längere Zahlungsfristen zu akzeptieren, als ihnen eigentlich lieb waren.

Immer mehr Unternehmen bangen um ihre Debitoren

Bei rund 30 % der befragten Schweizer Unternehmen hat im Covid-Jahr die Zahl der Kreditausfälle zugenommen. Thomas Hutter, Managing Director von Intrum AG, ist sehr besorgt: «Diese Zunahme ist gravierend. Doch noch beunruhigender ist ihre wachsende Befürchtung, dass das Risiko von Zahlungsverzögerungen oder Zahlungsausfällen in den kommenden zwölf Monaten sogar noch weiter ansteigen könnte. 2019 noch waren zwei Drittel der Befragten der Meinung, dass das Risiko gleich bleibt, nur ein Drittel erwartete einen Anstieg. Heute ist es umgekehrt: 64 % befürchten eine weitere Zunahme und nur noch 26 % glauben an eine Stabilisierung.»

Hoffnungsvoll stimmt Thomas Hutter jedoch eine andere Erkenntnis aus dem EPR: «Das schwierige Covid-19-Jahr hat offensichtlich sehr viele Schweizer Unternehmen zu einem verbesserten Schuldenmanagement motiviert.» Tatsächlich hatten im Rahmen der Vorjahresbefragung noch acht von zehn Unternehmen zugegeben, längere Zahlungsfristen akzeptiert zu haben, um ihre Kundenbeziehungen nicht zu gefährden. Mit dieser wirtschaftlich riskanten Konzilianz lag die Schweiz bisher weit über dem europäischen Durchschnitt. Gleich wie ihre europäischen Nachbarn pocht heute jedoch rund die Hälfte der Schweizer Unternehmen auf einen pünktlichen Zahlungseingang. «Wie es aussieht, wollen und können sich je länger, desto weniger unsere hiesigen Unternehmen das Warten leisten», stellt Thomas Hutter fest. «Zudem verlangen heute doppelt so viele Anbieter wie noch vor einem Jahr eine Vorauszahlung als Schutz vor Zahlungsausfällen.»

Eine messbare Grösse im Zusammenhang mit dem Schuldenmanagement hat sich in den letzten zwölf Monaten bereits merklich verändert. Die durchschnittliche europäische Zahlungslücke – die Anzahl der Tage zwischen dem gewährten Zahlungsziel und der tatsächlichen Zahlung – für Regierungs- und B2B-Kunden hat sich von 15 auf 10 Tage bzw. von 14 auf 12 Tage verringert. Die Schweiz weist im Bereich Öffentlicher Sektor eine ebenfalls zum Vorjahr reduzierte Zahlungslücke von 11 Tagen und im Bereich B2B eine reduzierte Zahlungslücke von 13 Tagen aus. Ob dies bereits auf die Wirkung des verbesserten Schuldenmanagements vieler Unternehmen zurückzuführen ist oder ob hier noch die staatlichen Zahlungen für eine bessere Zahlungsmoral sorgen, ist nicht erkennbar. Die Zukunft wird diesbezüglich Klarheit schaffen.

Unternehmen entwickeln neue Strategien gegen Liquiditätsengpässe

Die Mehrheit der Schweizer Unternehmen, 63 % gemäss vorliegendem EPR, rechnet mit einem baldigen Abschwung. Damit sind erstmals die Rezessionsängste der sonst eher furchtlosen Schweizer auf EU-Level gestiegen. Trotz der trüben Aussichten ist bei über zwei Dritteln der befragten Unternehmen Tatenlosigkeit keine Option: Sie denken bereits heute gezielt über Strategien nach, wie sie Stärke dazugewinnen und eine kürzer oder länger andauernde Abkühlung der Konjunktur bestmöglich überstehen können. Aufschlussreich sind ihre Antworten, welche Massnahmen sie für sich als wirksam erachten:

Mit Abstand das grösste Potenzial, um schwächere Jahre künftig besser abfedern zu können, sehen 33 % der Grossunternehmen in Kostensenkungen. Nur 22 % der KMU schliessen sich dieser Ansicht an. Ebenfalls 22 % der KMU erachten die Ermittlung ihrer besonders risikobehafteten Geschäftsbereiche als genauso wirkungsvolle Massnahme. Zeigen sich die Grossen diesbezüglich noch etwas risikofreudiger, sind sich KMU wie auch Grossunternehmen im künftigen Umgang mit Schulden einig: Sie planen, bei der Aufnahme von Schulden vorsichtiger zu sein.

Die kompletten Reports als Download

Der Länderreport Schweiz 2021 sowie der EPR Gesamtreport 2021 stehen als Download kostenlos zur Verfügung.

Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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