Haben die Banken den Fintech-Trend verschlafen?

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20 Prozent weniger Arbeitsplätze und Bankfilialen, halbierte Margen und Kunden, die ihrer Hausbank gegenüber immer weniger loyal sind. Dazu tiefe Zinsen, mehr Vorschriften und neue Konkurrenz. Eine neue Studie zeigt den grossen Druck auf die inländischen Banken in den letzten knapp zwei Jahrzehnten.

Jetzt wollen die Banken Gegensteuer geben und schneller, effizienter und günstiger werden, um so wieder mehr Geld zu verdienen. Gelingen soll das unter anderem mithilfe von jungen Firmen, die heute schon digitalisierte Bankdienstleistungen anbieten. Man nennt sie Fintech.

Unter Konsumenten und Konsumentinnen bekannt sind zum Beispiel Revolut, Twint, Neon, Robinhood und Paypal. Daneben gibt es auch viele Fintech-Firmen, die im Hintergrund Dienstleistungen für Banken erbringen. Entstanden sind die meisten Fintechs ausserhalb von traditionellen Banken.

Haben die Banken zu lang geschlafen?

Haben die Banken einen wichtigen Trend verschlafen? Nein, sagt Daniel Kobler vom Beratungsunternehmen Accenture. Allerdings sei wahrscheinlich auch der Druck zur Veränderung nicht so gross gewesen. Zudem starteten sie aus einer anderen Ausgangslage.

Eine andere Ausgangslage für Traditionsbanken deshalb, weil sie im Vergleich zu einem Fintech, das auf der grünen Wiese neu und klein starten kann, Altlasten mit sich schleppen – in Form von Immobilien und veralteter IT-Infrastruktur, was zu hohen Fixkosten führt.

«Schneller werden»

Nun endlich wollen die Banken auf den Digitalisierungszug aufspringen, indem sie vermehrt Tätigkeiten an Fintechs auslagern. Denn es sei höchste Zeit, so Kobler: «Die Ertragsmodelle und die darunter liegenden Wertschöpfungsmodelle müssen digitaler, modularer, offener und agiler werden, um die Ertragslage verbessern zu können.»

Die Banken müssen laut Kobler vor allem schneller werden: «Schnell reagieren zu können ist sicher eine Fähigkeit, welche die Schweizer Banken aufbauen müssen. Dies bringt ein typisches Fintech als Teil seines Geschäftsverständnisses bereits mit.»

Bankiervereinigung: neue Möglichkeiten

Bei der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) antwortet CEO August Benz ausweichender auf die Frage, ob die Schweizer Banken den Fintech-Trend verpasst hätten: «Traditionell haben Banken den Grossteil ihrer Produkte und Dienstleistungen im eigenen Haus erstellt. Nun sind wir an einen Punkt angelangt, wo die Banken hier neue Möglichkeiten haben.»

Dass Fintech für Banken Geschäftsprozesse günstiger und schneller durchführen können, als diese es heute selber tun, gibt auch Benz zu: «Fintechs haben Banken positiv beeinflusst und sind Teil eines wichtigen Ökosystems.»

Fintechs haben Banken positiv beeinflusst und sind Teil eines wichtigen Ökosystems.
August BenzCEO, Schweizerische Bankiervereinigung

Neue Kompetenzen gefragt

Ob die Neuausrichtung der Banken zu mehr oder weniger Stellen auf dem Schweizer Finanzplatz führen wird, ist offen. Bankberater Kobler spricht von Verschiebungen bei den Berufsprofilen.

In Zukunft würden wohl andere Kompetenzen als heute gefragt sein: «Die Nachfrage wird künftig sicherlich mehr im Bereich Research, Produktentwicklung und insbesondere digitaler Technologie-Kompetenz stehen.»

Die Nachfrage wird künftig sicher mehr im Bereich digitaler Technologie-Kompetenz stehen.
Daniel KoblerBeratungsunternehmen Accenture

Gute Job-Aussichten im Bankensektor also für all jene, die mit Computern genauso gut umgehen können wie mit Geld.

Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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