Lehrabgänger finden derzeit nur schwer eine Stelle

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Vor einem Jahr war die damals 19-jährige Filomena Grimm auf Stellensuche. Sie wartete gerade auf ihr Abschlussdiplom als Logistikerin und schrieb Bewerbung um Bewerbung. «Ich habe ein halbes Jahr vorher angefangen und habe jeden Monat zwischen zwölf und fünfzehn Bewerbungen verschickt.»

Doch sie erhielt Absage um Absage. «Viele Absagen sind erst spät gekommen. Die Arbeitgeber haben selbst nicht gewusst, ob sie noch jemanden brauchen oder ob sie Leute entlassen müssen. Das war auch für sie schwierig.»

ETH hat Leute befragt

Eine Stelle nach der Lehre in Zeiten der Pandemie zu finden, das ist auch dieses Jahr für viele Lehrabgängerinnen und – abgänger wieder ein schwieriges Unterfangen.

Das zeigen die neusten Zahlen der ETH Zürich, die monatlich eine Umfrage bei den Betrieben aus den verschiedensten Branchen macht. Im Juni beurteilte jeder zweite Betrieb die Situation für die frisch Ausgebildeten als kritisch. Sie rechnen damit, dass es für die jungen Erwachsenen schwierig werden könnte, eine Stelle zu finden.

Ursula Renold, Professorin für Bildungssysteme der ETH Zürich, sagt: «Die Branche, die am pessimistischen ist für die Zukunft, ist Verkehr, Logistik und Sicherheit. Auch die Luftfahrt gehört dazu. Dort sind die Aussichten sehr schlecht. 65 Prozent denken, dass es dort sehr schwierig wird, eine Anschlusslösung zu finden.»

Gute Chancen in der Hotellerie

Viele Firmen sind noch vorsichtig und warten zu, bevor sie neues Personal einstellen. Auch in der Tourismusbranche und in der Metall-, Maschinen- und Uhrenindustrie sieht es weniger gut aus als im Branchendurchschnitt.

Bessere Chancen haben Lehrabgängerinnen und -abgänger aus der Hotellerie und der Gastronomie, die derzeit Fachkräfte suchen. Über alle Branchen gesehen können immerhin rund 60 Prozent aller LehrabgängerInnen im eigenen Lehrbetrieb weiterarbeiten. Alle anderen haben es auf dem Arbeitsmarkt aber eher schwer, sagt Ursula Renold.

«In der Regel hängt es mit der konjunkturellen Situation zusammen. Wenn sie schwierig ist, dann haben junge Menschen im Wettbewerb mit erfahrenen Fachkräften immer Mühe, einen Job zu finden.»

Lehrbetriebe behalten Ausgebildete

Die Lehrbetriebe könnten den Jugendlichen unter die Arme greifen, indem sie sie befristet weiterbeschäftigen, bis sie eine andere Stelle finden. Rund die Hälfte der befragten Betriebe tue das, sagt Renold.

Kleinere Betriebe haben diese Möglichkeit allerdings meist nicht. Auch Filomena Grimm musste sich anderswo umschauen. Sie fand zwei Wochen nach Ende der Lehre eine Temporärstelle, die nach einem halben Jahr in eine Festanstellung umgewandelt wurde.

Normalerweise geht es in der Schweiz 4 bis 5 Monate, bis die Lehrabgängerinnen und Lehrabgänger eine Anschlusslösung finden. Ob das auch dieses Jahr der Fall sei, hängt nun stark davon ab, wie sich die Pandemie entwickelt und ob Betriebe erneut zeitweise schliessen müssen.

 

 

Archiv: Arbeitslosigkeit steigt – besonders bei Lehrabgängern
Aus Tagesschau vom 09.09.2020.

 

Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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