Wo bleibt der SMS-Nachfolger RCS?

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Das Jahr: 1992. Bill Clinton ist Präsident der USA, im Kino läuft «Basic Instinct» und in der Hitparade «It’s My Life» von Dr. Alban. Ausserdem wird die erste SMS verschickt. Bald feiert die SMS also ihren 30. Geburtstag – in Technologie-Jahren eine Ewigkeit.

Seit 2008 wird denn auch am SMS-Nachfolger RCS gearbeitet. Die Abkürzung steht für «Rich Communication Service» – ein neues Kommunikationsprotokoll mit Funktionen, die moderne Chat-Apps wie WhatsApp schon lange haben. Doch die Umsetzung von RCS läuft mehr als schleppend.

Das kann RCS, was SMS nicht kann

  • Keine Limite von 160 Zeichen pro Nachricht
  • Gruppenchats
  • Videochats
  • GIFs, Videos, Sprachnachrichten und Dateien
  • Statusanzeigen
  • Anzeige, ob eine Nachricht versendet und gelesen wurde

Ein Grund: RCS ist nicht bloss eine App, sondern gleich ein neues Kommunikationsprotokoll. Um es möglich zu machen, müssen viele verschiedene Parteien am selben Strick ziehen – von den Geräteherstellern bis zu den Netzbetreibern. Und das war in den letzten Jahren selten der Fall.

Schweizer Netzbetreiber halten sich zurück

Die Netzbetreiber haben mit einzelnen SMS über die Jahre sehr viel Geld verdient und lange Zeit keinen Grund gehabt, in einen Nachfolger zu investieren. Seit viele Smartphone-Nutzerinnen und -Nutzer jedoch Flatrate-Abos haben, die eine bestimmte Menge oder gar unlimitierte SMS beinhalten, sind Kurznachrichten keine Goldgrube mehr. Das Interesse, viel Geld für einen Nachfolger auszugeben, ist so nicht grösser geworden.

In der Schweiz bietet heute nur gerade die Swisscom RCS an – allerdings nur für Kundinnen und Kunden mit einem Samsung-Smartphone. Zu einem weiteren Ausbau ist nichts bekannt. Bei Sunrise und Salt gibt es gar keine Pläne, RCS bald anzubieten.

Doch selbst wenn RCS von heute auf morgen doch noch umgesetzt würde, ist es wohl zu spät, Diensten wie WhatsApp und Co. damit Konkurrenz zu machen. Dafür war RCS zu lange in der Entwicklung und bietet nicht alle Funktionen, die man von Chat-Apps kennt. Nachrichten können zum Beispiel nicht automatisch von Ende-zu-Ende verschlüsselt werden.

Apple hat kein Interesse an RCS

Ein weiteres Problem ist Apple: Mit iMessage hat das Unternehmen einen eigenen Kurznachrichten-Dienst, der gratis ist und alles kann, was RCS auch kann – allerdings nur für Apple-Nutzerinnen und -Nutzer. Ein wichtiges Pfand, um die Kundschaft im eigenen Ökosystem zu halten, das man RCS zuliebe kaum aufgeben wird.

Google macht es auf eigene Faust

Weil RCS nicht richtig in die Gänge kommt, hat Google das Heft selbst in die Hand genommen und den Standard auf eigene Faust umgesetzt. Wer ein Smartphone mit Googles Betriebssystem Android besitzt und die Android-App Messages zum Verschicken von Kurznachrichten benutzt, kann so heute schon RCS statt SMS nutzen. Weil Google den Standard aber an den Netzbetreibern vorbei eingeführt hat, funktioniert das nur, wenn das Gegenüber ebenfalls ein Android-Smartphone hat und dieselbe App benutzt.

Bis heute hat Apple darum keine Andeutungen gemacht, den neuen Kommunikationsstandard auf seinen Geräten zu ermöglichen. Das bedeutet: Apple-Nutzerinnen und -Nutzer wird man per RCS wohl nie erreichen können. In einem Land wie der Schweiz, wo das iPhone weit verbreitet ist, fällt das besonders ins Gewicht.

Politik will Interoperabilität

Die Zeiten, in denen man alle Verwandten und Bekannten mit nur einem Dienst, mit derselben App, erreichen konnte, scheinen also für immer vorbei. Nur wegen RCS wird sich an dieser Situation jedenfalls in absehbarer Zeit nichts ändern.

Doch die Politik könnte es möglich machen: In den USA gibt es mit dem ACCESS Act Bemühungen, Anbieter verschiedener Nachrichten-Dienste zur sogenannten «Interoperabilität» zu zwingen – sodass Nachrichten aus einer App zur anderen und auch wieder zurückgeschickt werden können. In der EU gibt es ähnliche Absichten. Doch all diese Vorstösse sind noch weit davon entfernt, tatsächliche Folgen im digitalen Alltag zu haben.

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Über den Autor

Gordian Hense
Journalist, Mitglied im Verband Europäischer Fachjournalisten.

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